Es ist Sonntag und ich muss arbeiten. Sonntags ist immer am meisten los, die Leute haben Zeit und gehen gerne raus.
Die zwei Punkte in der Crema meines Kaffees schauen mich an, bevor ich sie vernichte; ich bin spät dran.
Mein Fahrrad wartet schon ungeduldig, die Straßen sind leer. Ich bewege mich und spüre den Wind und die Sonne und den Schatten und die Leere.
Am Straßenrand steht mein Kollege.
Ich schaue ihn an.
Er mich nicht.
Ich fahre weiter, kurz darauf bin ich im Park angekommen. Zum Glück ist noch niemand da.
Mein Rad am Zaun, ein paar hundert Schritte,
dann rechts, dann ab vom Weg und in die Mitte,
wo die Nachtschicht noch steht.
Ich schaue sie an.
Sie mich nicht.
Sie steigt hinunter vom Podest und ich hinauf.
Sie schaut mich an.
Ich sie nicht.
Ich bin müde, mein Mund ist trocken,
gestern Nacht mal wieder zu viele fragwürdige Entscheidungen getroffen,
ich wusste, ich muss heute arbeiten, und das weiß ich auch jetzt.
Die ersten Menschen erscheinen.
Jogger, manche mit Hund, alle mit Musik im Ohr,
Blick auf den Boden oder manchmal in die Luft,
die sie dann einatmen, um sich daran zu erinnern,
warum sie nicht zu Hause geblieben sind.
Sie schauen mich nicht an.
Ich sie auch nicht.
Die aufgehende Sonne beschwört die Spaziergänger,
ein paar neue Gesichter, aber vor allem alte.
Sie kennen mich, und ich kenne sie.
Man könnte die Uhr nach ihnen stellen.
Glaube ich.
Ich weiß nicht, wie viel Uhr es ist.
Die, deren Route sie an mir vorbeiführt, bleiben manchmal stehen,
schauen mich an.
Ich sie nicht.
Dann wird es belebter, wärmer, persönlicher im Park,
junge Leute wie die von gestern Abend,
Familien wie die von vor zehn Jahren,
noch mehr Hunde, Kinderwagen, Liebespaare -
Ich schaue niemanden an aber überall hin,
ich sehe ihn in jedem Mann;
wie er aussieht, weiß ich nicht mehr.
Er schaut nicht zurück.
Aber die anderen schauen mich jetzt an, die Besucher und Touristen,
die ausnahmsweisen Spazierer.
Manch einer lügt sich vor, er wäre interessiert,
macht Halt, nimmt sich die Zeit, mich zu beurteilen,
aber nicht das, was auf der Plakette unter meinen Füßen steht.
Ich schaue nicht zurück.
Selten sagt jemand etwas zu mir.
Wenn, dann meistens so leise,
dass ich es nicht hören soll.
Außer Kinder, die stellen Fragen.
Mama, wer ist das?
Mama, warum ist die so groß?
Mama, ist das ein Mann oder eine Frau?
Mama weiß es nicht.
Ihr Handy auch nicht.
Handys schauen mich oft an, ohne zu wissen, warum.
Ich schaue nicht zurück.
Ich sehne mich immer noch nach ihm,
dabei weiß ich nicht, wer er ist.
Die alten morgengrauen Damen kenne ich besser als ihn.
Die Gedanken an letzte Nacht machen es leichter, durch den Tag zu kommen,
die Konsequenzen nicht.
Ich schaue zurück.
Der Himmel färbt sich rot, die Menschen verschwinden,
außer denen, die noch in Kreisen sitzen und Witze reißen.
Sie schauen sich gegenseitig an,
und sie schauen zurück.
Es wird Abend, der Park leert sich immer mehr.
Sterne nehmen die Plätze der Menschen ein.
Ich schaue sie an.
Die Nachtschicht erscheint, und schaut mich an.
Ich sie nicht.
Ich steige hinunter vom Podest und sie hinauf.
Ich schaue sie an.
Ich laufe zu meinem Fahrrad,
ein Mann kommt auf mich zu.
Ich sehe ihn immer noch nicht.
Er fragt was machst du hier so spät alleine?
Ich sage spazieren.
Er fragt so spät?
Ich sage ja.
Er fragt ist dir nicht kalt?
Ich sage nein, mir wird nicht kalt.
Ich setze mich auf mein Fahrrad und fahre weg.
Er schaut mich an.
Der Kollege von heute morgen ist nun auch durch die Nachtschicht ersetzt.
Glaube ich.
Ich schaue ihn an.
Er mich nicht.
Ich setzte mich auf meinen Balkon und nehme mir eine Zigarette.
Mein Nachbar gegenüber macht dasselbe.
Er schaut mich an.
Ich ihn nicht.
Auf Instagram sehe ich ein Selfie mit mir im Hintergrund.
Zweihundert Likes, zwölf Kommentare,
keins erwähnt mich.
Ich schaue mich an.
Ich öffne das eine Bier, das noch rumsteht,
bald schaue ich von oben den Boden der Flasche an.
Er mich natürlich nicht.
Es ist spät, ich bin müde, ich gehe ins Bett,
stelle mich vor den Spiegel.
Ich ziehe mich aus.
Ich schaue mich an.
Sie mich auch.