Was lässt sich sagen über ein Buch ohne Sinn? Dass es sinnlos ist, beschriebe auch jene Aussage selbst. Ein Glück, dass ich es gelesen habe, sonst wüsste ich über seine Natur nicht Bescheid, würde mich noch jahrelang fragen, was sich hinter der blutverschmierten Frau auf dem Einband verbirgt. So gesehen ist eine ungezielte Reise zur Bibliothek, wie ich sie gerne unternehme, und durch die ich auch bei diesem Buch gelandet bin, ein gefährliches Glücksspiel. Wie hoch der Einsatz wirklich ist, wird einem erst bewusst, wenn man verliert. Im schlimmsten Fall kann man den Gedanken an ein zurückgelegtes Buch irgendwann nicht mehr entkommen, die Erschöpfung der langgezogenen Flucht holt einen letztendlich ein, doch nach kurzer erleichternder Rast bleibt nur Enttäuschung: das Buch ist leer. Diesem Schicksal bin ich zwar entronnen – meine Neugier hat mich nicht lange davonlaufen lassen – aber die Vorstellung, was wäre, hätte ich noch länger gewartet, ist Grund genug, in Zukunft das Glück nicht herauszufordern.
Ein Buch sagt uns, mit seinem Einband und dem Titel, mit dem Klappentext und Zitaten bedeutender LeserInnen, mit seinem Gewicht, der Zahl der Seiten, mit dem Namen des Menschen, der an alledem Schuld ist: „Hier ist etwas drin!“. Es spricht einen Idealismus an, den ich in mir herumtrage, eine Sehnsucht, glauben zu können, dass die Beschaffenheit des Buches immun gegen Marketing und Profit, und nur von menschlichem Ausdruck geprägt ist. Daher rührt meine Bereitschaft, mich hemmungslos einer Fantasie hinzugeben, und ich würde es auch nicht anders wollen; aber manchmal bin ich doch erstaunt, wie falsch ich liegen kann.
Das Polykrates-Syndrom ist ein österreichischer Fiebertraum von Antonio Fian, dessen Handlung kaum als solche zu beschreiben ist. Unglaubhafte Dinge geschehen, vorangetrieben von Entscheidungen, die kein Mensch treffen würde, und die Moral lautet: Glück gehabt. Was das ganze aber unangenehm faszinierend macht, ist die Qualität der Prosa. Fians Erzählstil ist clever und bestimmt, er vereint Horror und Humor auf teils beeindruckende Weise, und das obwohl Arthur, Hauptcharakter und Erzähler, äußerst langweilig und unsympathisch ist. Wäre diese Qualität nicht da, wäre da nicht etwas bewusstes, etwas künstlerisches, so könnte man das Buch einfach als einen Porno abtun, den der Autor für sich selbst geschrieben hat – eine Ansammlung an Situationen, die er geil findet, zusammengestellt unter dem Vorwand, einen Roman über Glück zu schreiben. Ich glaube nicht, dass das der Fall ist, vielleicht will ich es auch nicht glauben, aber dieser Gedanke lässt mich nicht los, denn mir fällt keine bessere Erklärung dafür ein, warum dieses Buch existiert.
Es ist bald ein Jahr her, dass ich es gelesen habe, und inzwischen trägt es für mich eine ähnliche Rolle wie Alice, Arthurs Affäre. Ihr Verhalten ist nicht zu verstehen; sie macht verrückte Sachen, weil sie verrückt ist. Es ist spannend, sie zu treffen, es ist irgendwie verboten, sie ist ein zufälliges Abenteuer, aber Alice ist kein Mensch. Sie hat kein Innenleben, ihre Existenz ergibt keinen Sinn, sie existiert nur, um die Handlung voranzubringen. Das Polykrates-Syndrom trat durch Lust und Zufall in mein Leben. Es bedeutet nichts, ich habe nichts gelernt, aber ich hatte meinen Spaß.
Meine Überraschung, als ich erfuhr, dass es einen Film zu diesem Buch gibt, kann ich kaum in Worte fassen. Glück Gehabt kam 2019 heraus, und vor ein paar Tagen habe ich ihn endlich geschaut. Auch, wie es zu seiner Existenz gekommen ist, kann ich mir nicht erklären. Am ehesten kann ich den Film beschreiben als eine schwarze Komödie, die selbst nicht weiß, was der Witz sein soll. Viele Aspekte aus dem Buch sind beschönigt und weniger vulgär, und die Momente, in denen Fians Schreibstil bemerkenswert war, wurden nicht gut übertragen.
Ich musste allerdings tatsächlich einmal lachen, nämlich als in bedrückter Stimmung, nach dem Tod von Arthurs Mutter, der Leiter des Seniorenheims ihm ihre Sachen aushändigt, verpackt in alt aussehenden Koffern und Taschen. Zuletzt zieht er eine übergroße, hellgrüne Wasserpistole hervor, und merkt an, wie viel Spaß sie damit hatte.
Der Film ist vom künstlerischen Handwerk her deutlich minderwertiger als das Buch, er war weit weniger aufregend und in erster Linie langweilig. Nicht mal als sexuelle Fantasie funktioniert er, dafür waren die entsprechenden Szenen nicht explizit genug. Mir gab der Film ein vertrautes Gefühl aus meiner Jugend, als wäre es spät abends, meine Eltern schlafen schon, und ich zappe durch die Kanäle, mit dem einen Ziel, mir vorzugaukeln, dass das besser ist, als Schlafen; und dann ist da ein Film im ARD oder ZDF, keine Ahnung worum es geht, mittelmäßige Schauspielerei, und dann passiert auf einmal etwas extrem merkwürdiges, und ich schalte den Fernseher aus.
Und damit reicht es jetzt auch, mehr muss ich über ein Buch ohne Sinn nicht schreiben. Am Ende zerstückelt Arthur Alices Leiche, zwei Tage später kommt die Müllabfuhr, und das war es dann mit ihr.
Ein Glück, dass das jetzt vorbei ist.