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Karl und die Uhr

Karl saß konzentriert vor seinem ausgeschalteten Computer. Vom Schreibtisch nahm dieser wenig Platz ein, der wurde aber auch von sonst nichts genutzt. Diverse Schreibgeräte, jeweils ein Kuli, Bleistift, Marker und Edding, lagen, sich aneinanderschmiegend, auf dem uneinladenden, gelblich weißen Briefkorb. Ein scheußliches Ding, und zu allem Überfluss trug es Karls Namen stolz auf der Brust.

Eine Uhr hatte Karl nicht. Kenntnis der Uhrzeit machte sein Dasein nur unerträglicher, weshalb er sein Blickfeld von Ziffernblättern und Displays freihielt. Der Computer war aber nicht nur deswegen aus, sondern vor allem, weil Karl keinen Grund hatte, ihn anzumachen. Von alleine ging er nicht an, und es hatte auch sonst niemand einen Grund, ihn anzumachen.

Gegenüber von Karl saß Luise, ihm zugewandt, aber völlig konzentriert auf ihren eigenen, eingeschalteten Computer. Luise hatte scheinbar einen Grund, ihren Computer anzuschalten. Ob sie wohl die Uhrzeit sehen könnte, fragte sich Karl, oder ob womöglich ein Zettel die Sicht auf die Ecke des Bildschirms blockierte? Hatte er diese temporale Abneigung vielleicht mit Luise gemeinsam? Einen Grund, zu fragen, hatte Karl nicht. Außerdem wollte er natürlich nicht unabsichtlich die Uhrzeit erfahren. Auf die Frage, ob sie die Uhrzeit sehen könne, hätte Luise sicherlich mit “Ja, es ist XX:XX Uhr.” geantwortet. Dazu hätte sie dann nämlich, zumindest aus ihrer Sicht, einen Grund gehabt. Aus Karls Sicht war die Annahme, er wolle die Uhrzeit wissen und frage deshalb, völliger Unsinn. Gleichsam wäre aus Luises Sicht die Annahme, sie habe ein Stück Papier über die Ecke ihres Bildschirms geklebt, ebenso absurd.

Mit solcherlei Spielereien vertrieb sich Karl die Zeit. Wieviel Zeit, das wusste er nicht, aber dass Zeit verging, das wusste er.

Einen Grund, etwas anderes zu machen, hatte Karl nicht, und er wollte auch nicht unnötig Lärm machen oder Ressourcen verschwenden, also trugen sich Karls Zeitvertreibe ausschließlich in seiner eigenen virtuellen Welt zu.

Hin und wieder stand Luise auf, ging an Karl vorbei, sein Sichtfeld verlassend, und kam nach kurzer Zeit zurück. Irgendeinen Grund hatte sie dafür sicher, aber Karl kannte ihn nicht. Was auch immer es da hinten gab, war es sicherlich nicht wert, einen Blick auf die Uhr zu riskieren. Vielleicht machte Luise ja immer die Augen zu, wenn sie an Karl vorbeiging, oder hielt den Blick stets gesenkt. Luise konnte ja von ihrem Schreibtisch aus sehen, was sich hinter Karl begab. Hinter Luise war nur eine Wand. Wollte sie also die Uhrzeit vermeiden, wusste sie schon, welche Winkel sicher waren, und welche nicht. Da kam Karl ein ganz verrückter Gedanke: vielleicht ging sie ja an ihm vorbei, um irgendwo da hinten die Uhrzeit zu erfahren. Pah! So ein Unsinn, schmunzelte Karl. 

Gerade war Luise wieder mal aus Karls Welt verschwunden, etwas Zeit verstrich, da kam sie wieder zurück. Diesmal passierte aber etwas unerwartetes. Luise sagte im Vorbeigehen: “Karl, mach doch mal deinen Computer an.”

Was sollte das? Irgendeinen Grund musste es gegeben haben. Aber zum Fantasieren war Karl jetzt viel zu aufgeregt. Hastig suchte er sich zwei Stücke Papier, Klebeband war nicht aufzutreiben. Karl begann, zu falten. Mehrere parallele Kanten ließen die Schutzwälle sicher vor den Bildschirmecken Wache stehen. Luise hatte ihm einen Grund gegeben, seinen Computer anzumachen, aber die Uhrzeit zu erfahren, dafür gab es keinen.

Bereit, ins kalte Wasser zu springen, richtete sich Karls Konzentration auf den Startknopf. Matt schwarz, weiß umrandet, und nie zuvor berührt. Wie in Zeitlupe begannen die einzelnen Muskeln in Karls linkem Arm, sich nacheinander anzuspannen. Mit jedem Millimeter, den seine Hand hinter sich legte, schlug sein Herz heftiger, jede Ader unter immensem Druck, die Zeigefingerkuppe kurz davor, zu bersten, und dem Blut den Weg zu öffnen, die Tat selbst zu vollziehen. Die Gedanken in Karls Kopf rasten so schnell hin und her, dass sie sich nicht fassen ließen. Die Stifte, der Schreibtisch, Luise, sie alle hörten auf, zu existieren.

Klick.

Was passiert jetzt?

Ein Summen, sonst nichts.

Karl sank in sich zusammen, aller Druck auf einmal entwichen, womöglich in den Computer geflossen. Da diese Hürde nun mit Bravour überwunden war, musste Karl nur noch warten, bis der Computer bereit war, seinen nächsten Schritt zu machen.

Die Welt ging weiter. Luise existierte wieder. Was wohl in ihrem Kopf vor sich ging? Von Karls Innenleben hatte sie sicher nichts mitbekommen, aber das Klicken musste sie doch gehört haben. Ob sie sich freute, dass ihr Rat angenommen, ihr Plan aufgegangen war? Hatte sie Mitleid mit Karl, da er ja jetzt womöglich die Uhrzeit erfahren würde? Die Erschaffung der Barrieren hatte sie vielleicht mitbekommen, womöglich hat sie längst ihre eigenen, und ist stolz auf Karls Voraussicht. Oder vielleicht –

Da ging der Bildschirm an. 

Den Blick rechtzeitig abzuwenden, war Karl nicht geglückt. Dafür kam es zu überraschend, und er war nicht konzentriert gewesen. Es war keine Uhrzeit zu sehen, Karls Vorkehrungen waren von Erfolg gekrönt. Stattdessen ein Bild, ein Foto oder ein sehr überzeugendes Gemälde, dachte Karl.

Zu sehen waren vier Menschen, ein Mann und drei Frauen. Der Mann, mittig, war nackt und schien vor dem dunklen Hintergrund zu schweben. Seine Beine leicht gespreizt und leicht gewinkelt, die Haut wie Schuppen glänzend, das Fleisch unbeweglich. Der Oberkörper übersät mit Flecken, blau, gelb, grün, braun, unumrissen und ineinander verschwimmend. Vom Hals herunter lief ein zähes, fast schwarzes Öl, ohne ersichtliche Quelle, und benetzte unregelmäßig den gesamten Körper. Die Arme versteckten, hinter dem Rücken verschränkt, die Hände, die Schultern waren aufgequollen und unförmig, als beherbergten sie einen Überfluss an ortsfremden Knochen.

Die eine Frau lag quer über dem rechten Oberschenkel, leblos und kühl, ihre Gliedmaßen langgezogen und viel zu dünn, als hingen tonnenschwere Gewichte and ihren Händen und Füßen. Die anderen beiden lagen auf dem Boden, Füße zur Mitte, die Oberkörper bedeckt von gefaltetem Papier.

Karl war es gewöhnt, sein Spiegelbild im ausgeschalteten Monitor zu betrachten, dunkel, verschwommen, und nicht zu erkennen. Seinen Kopf nun auf jener Parodie eines männlichen Körpers zu sehen, das war Karl nicht gewöhnt. Dass die Frauen allesamt Luise gleichten, das wusste Karl, auch ohne ihre Gesichter gesehen zu haben.

Karl nahm entschlossen seinen Kugelschreiber aus dem Briefkorb, klickte den Knopf, als hätte er einen Grund, etwas aufzuschreiben, und rammte mit aller Kraft die Spitze in seine grässliche Visage.

Es tat einen Schlag, dann ein Knirschen, ein Knistern, Sprünge bahnten sich vom Haupt ausgehend ihrend weg durch die Dunkelheit.

Das hatte Luise in jedem Fall gehört. 

Durch die starke Bewegung gerieten die Papiermauern ins Wanken, ihr Einsturz war nicht aufzuhalten. Karls Schutzwall fiel mit einem Mal zusammen.

Es war 10:36 Uhr.

Klick.

Karl versuchte, sich zu beruhigen. Er wusste zwar, wieviel Uhr es jetzt gerade war, aber diese Information war bestimmt längst nicht mehr aktuell, also wusste er es eigentlich doch nicht. Warum war das gerade passiert? Hatte Luise gewusst, was Karl auf dem Bildschirm sehen würde? Warum tat sie ihm das an? Karl hatte ihr nie zuvor etwas böses gewollt. Vielleicht hatte sie auch keine Ahnung, was sie mit ihrem Satz auslösen würde, aber warum mischte sie sich dann ein? Fahrlässig oder böse, das war Luise jetzt für Karl.

Was plante sie als nächstes? Welche anderen Foltermethoden würden ihr einfallen? Vielleicht ging sie immer an Karl vorbei, um unbeobachtet ihr nächstes Manöver zu planen. Oder war es wirklich ein Versehen gewesen? War Luise so dumm und unüberlegt? Warum das Risiko eingehen, fragte sich Karl, machte sie sich gar keine Gedanken darüber, was in seinem Kopf vor sich ging?

So grübelte Karl eine Weile lang, änderte seine Meinung zu Luise ein dutzend Mal, und kam zu keinem Schluss.

10:36 Uhr.

Wie spät es inzwischen wohl war? Einmal gefasst, ließ der Gedanke Karl nicht los. Seine Befürchtung fand Bestätigung: Die Uhrzeit zu kennen, macht alles nur noch schlimmer. Er hatte sie jetzt einmal gekannt, und das gab ihm einen Grund, sie erneut zu erfahren.

Karl überlegte noch lange, und wurde dabei immer ungeduldiger. Musste er wirklich noch einmal auf die Uhr schauen? Würden ihn die Gedanken je loslassen, täte er es nicht? Stundenlang, dachte sich Karl, hatte er sich jetzt den Kopf zerbrochen, über alles, was passiert war.

Klick.

Summen.

11:08 Uhr. 

Wie konnte das sein? Ganz einfach, es konnte nicht sein. Womöglich hatte Karls Angriff vor ein paar Stunden mehr Schaden angerichtet, als zunächst vermutet. 

Klick.

Diese Uhr war nutzlos. Jeder weitere Blick wäre einzig Bestätigung ihrer Fehlerhaftigkeit. Wobei–

Klick.

Summen.

11:11 Uhr.

Ha! Eine lustige Uhrzeit, Karl hatte sie gerade noch erwischt, bevor sie der folgenden, deutlich uninteressanteren Zeit wich. Vielleicht hatte so eine Uhr ja auch ihre guten Seiten, dachte Karl. Er würde sie noch eine Weile lang begutachten.

11:24 Uhr.

Die Uhr lief zu langsam. Vielleicht stimmte sie auch die ganze Zeit schon nicht, es war nie 10:36 Uhr gewesen. Das galt es jetzt zu untersuchen, zum Beweis brauchte Karl eine weitere Uhr.

Aber was, wenn die auch nicht– egal, einen anderen Weg gab es nicht. Karl könnte Luise fragen: “Kannst du die Uhrzeit sehen?”
“Nein, ich habe ein Stück Papier davorgeklebt.”

Unsinn. Die Vorstellung, sie könne so etwas sagen, rief nur noch mehr Vorstellungen hervor, die Karl alle nicht interessierten, aber loslassen konnte er sie nicht. Warum konnte Luise ihm nicht einfach sagen, was in ihrem Kopf vor sich ging? Selbst wenn, woher würde er wissen, ob sie die Wahrheit sagt? Auf Luise konnte er sich nicht mehr verlassen.

Karl fasste den Entschluss, sich umzudrehen. Er brauchte Antworten. Warum lief Luise dort immer hin, was sagten die anderen Uhren, was war da überhaupt?

Wie von alleine begann sein Kopf, sich zu wenden, sein Hals verdrehte sich, bis die Schultern nicht mehr anders konnten, als zu folgen.

Schreibtische. Menschen. Computer. Eine kaputte Uhr. Sonst nichts.

Luise stand wieder auf, und ging an Karl vorbei.

“Luise, warum gehst du da lang?”

Sie hielt einen Moment Inne, drehte ihren Kopf und sah Karl über ihre Schulter mit einem sanften Lächeln an.

“Um mir die Beine zu vertreten.”